Gut gestaltet - gut gebaut

Gut gestaltet - gut gebaut: Produkte aus Behindertenwerkstätten - Kooperation zwischen Handwerk und Design - TitelLupe

Designprodukte aus Behindertenwerkstätten

Vom 29. April. bis 4. Juni 2005
Eröffnung am 28. April 2005, 18:30

Wie kaum ein gesellschaftlicher Bereich bietet das Handwerk behinderten Menschen die Möglichkeit, eine anspruchsvolle, erfüllende Tätigkeit auszuüben. Die Voraussetzungen dazu schaffen die Behindertenwerkstätten. Der Anspruch dieser Werkstätten ist, die Arbeit an die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderungen anzupassen.

Meist heißt dies, die Arbeit in viele Schritte aufzuteilen und geeignete Hilfsmittel zu finden, die die Arbeit den einzelnen Beschäftigten zugänglich machen. Auf diese Weise leisten die Werkstätten einen wesentlichen Beitrag zur Integration der Behinderten in Gesellschaft und Berufsleben.


Bürstenlampen, -tischaufsatz und -sessel: Ehem. Blindenanstalt Berlin
Tisch "Taurus": Nils Holger Moormann GmbH, Aschau im Chiemgau
Wandteppich, Tasche: Cornelia Feyll/Handweberei im Rosenwinkel, Friedland
Regal: Rüdiger Schaack/Behindertenwerkstatt Reinsdorf
Blumenvase: Fairwerk Inntal-Werkstätten, Wasserburg am Inn
Hutständer "Hut ab": Konstantin Grcic/Nils Holger Moormann GmbH, Aschau im Chiemgau

Seit einiger Zeit beobachten wir, dass immer mehr Behindertenwerkstätten mit Designern kooperieren. Vor allem junge Designer lassen ihre Entwürfe in Werkstätten für behinderte Menschen umsetzen oder entwickeln gemeinsam mit ihnen bemerkenswerte Kollektionen. Meistens sind es Gebrauchsgegenstände von hohem Qualitätsniveau in Design und Ausführung, die sich durch Funktionalität und hochwertige Materialien auszeichnen, die zum Teil sogar mit renommierten Design-Preisen geehrt wurden. In vorbildlicher Weise achten die Betriebe auf die Nachhaltigkeit der dort entstehenden Produkte.

Die Idee des Zusammenschlusses von Designern und Behindertenwerkstätten ist nicht neu. Schon seit den 1950er Jahren engagieren sich renommierte Designer aus ganz Europa für diese Sache, doch erst in unserer Zeit scheint das Konzept zu greifen. Die Handwerkskammer für München und Oberbayern nimmt dies zum Anlass, vorbildliche Kooperationen in einer Ausstellung in der Galerie Handwerk vorzustellen. Nicht nur die soziale Aufgabe, die das Handwerk leistet, wird hier dokumentiert - es sind auch hervorragende Produkte, die der Besucher in Augenschein nehmen kann.

Einer der Vorreiter war das 1953 gegründete Cor Unum. Seit mehr als 50 Jahren stellt diese Initiative unter Beweis, dass Menschen mit Behinderungen und Einschränkungen Werke von hohem Niveau schaffen können, vorausgesetzt man weckt ihre Liebe zu Material und Form. Die bei Cor Unum gefertigten Keramiken gehen auf die Entwürfe von angesehenen Designern aus aller Welt zurück (Alfredo Häberli, Ron Arad, Piet Stockmans, Konstantin Grcic, Ettore Sottsass oder Gijs Bakker). Von Anfang an lautete die Devise: kompromisslose Qualität und technisches Können. Auf Entwürfe von Konstantin Grcic gehen zum Beispiel die Glove Medium und Garbo Large zurück, strenge, reduzierte Vasenobjekte auf Ettore Sottsass Tarzan und Jane, zwei in der Formensprache postmoderne Schalen mit runden, bzw. kegelförmigen schwarzen Füßen, auf denen jeweils die Schale ruht.

Mittlerweile arbeiten einige Werkstätten für behinderte Menschen nach diesem Grundsatz und erzielen damit große Erfolge. Dies wirkt sich in kommerzieller Hinsicht aus, aber auch im Bekanntheitsgrad der Werkstätten und letztlich auch im Selbstbewusstsein der dort arbeitenden Menschen. In Bayern sind vor allem die Projekte side by side Wendelsteinwerkstätten und Fairwerk der Inntal-Werkstätten Protagonisten der Idee und damit ausgesprochen erfolgreich.

Die Stiftung Attl, ein ehemaliges Kloster, liegt in der Nähe von Wasserburg am Inn. Über fünfhundert Menschen mit Behinderung leben, lernen und arbeiten hier in einer dorfähnlichen Gemeinschaft. Die dazugehörigen Inntal-Werkstätten bieten etwa dreihundert Arbeitsplätze in den Metallwerkstätten, der Holzbearbeitung, Weberei und anderen Werkstätten. Die meist geistig und körperlich behinderten Menschen haben so die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden. Wie in den meisten Behindertenwerkstätten steht der jeweiligen Werkstatt ein Handwerksmeister vor. In der Metallwerkstatt in Attl wird vor allem mit Edelstahl und Aluminium gearbeitet. Für das Projekt Fairwerk entstehen dort Windlichter, Stövchen, unterschiedliche Thermometer (Reise-, Wein-, Teethermometer), Schalen u.v.m. nach Entwürfen junger Designer, deren Gestaltungscredo mit "weniger ist mehr" zu umschreiben ist.

Die side by side Wendelsteinwerkstätten für behinderte Menschen sind, zumindest im bayerischen Bereich, mittlerweile keine unbekannten mehr. Die Idee, die dem Projekt zugrunde liegt, ist der Zusammenschluss von jungen Designern und Werkstätten für behinderte Menschen, um gemeinsam an neuen Kollektion zu arbeiten. Nützliche Gebrauchsgegenstände erhalten ein modernes, schnörkelloses Design. Qualität, Gestaltung und Funktion verschmelzen zu einer Einheit, die bestechend sind in ihrer skandinavisch anmutenden Reduziertheit und Klarheit. Um diese Ergebnisse zu erreichen werden in den Wendelsteinwerkstätten in Raubling die verwendeten Materialien sorgfältig ausgewählt und verarbeitet, das Design wird auf die Funktion abgestimmt und jedes Produkt getestet. Ausschließlich einheimische Hölzer finden Verwendung. Seite an Seite stehen bei diesem Projekt nicht nur Designer und behinderte Menschen, Seite an Seite arbeiten auch die beteiligten Werkstätten zusammen. Jede Werkstatt übernimmt die Herstellung eines oder mehrerer Produkte und zeigt so ihr technisches Potential und handwerkliches Können. Vom Wäscheständer über Garderoben, Schuhregale, Tabletts, Bretter, Weinregale, Messerblöcke reicht mittlerweile die immer größer werdende Produktpalette, die in großen Teilen in der Galerie Handwerk präsentiert wird.

Die Handweberei im Rosenwinkel wurde 1992 gegründet, heute arbeiten dort neunundzwanzig Menschen aus acht Nationen, überwiegend sind es Frauen. Aus den vielfältigen Fähigkeiten, der Begeisterung für Textilien und der sozialen Verantwortung füreinander bezieht die Werkstatt die Kraft für die gemeinsame Arbeit. Das Team setzt sich aus Weberinnen, Meisterin, Auszubildenden, Pädagoginnen, Marketingfachfrauen sowie einer Designerin und Geschäftsführerin zusammen. Das Schaffen von Dauerarbeitsplätzen für benachteiligte und behinderte Menschen ist ihnen ein Anliegen. Die Handweberei im Rosenwinkel verwendet vorwiegend nachwachsende, natürliche Fasern aus dem Pflanzen- und Tierreich. Dabei verzichtet sie auf unnötige "Ausrüstung", also chemische Oberflächenbehandlung, damit weder bei der Herstellung noch bei der Entsorgung ökologische Probleme entstehen. Es wird an 20 Handwebstühlen gearbeitet und das handwerkliche Können wächst durch verschiedene Ausbildungen ständig weiter. In der Ausstellung in der Galerie Handwerk wird die neue, außergewöhnliche Filz- und Papiertaschen-Kollektion gezeigt, bei denen die Webstruktur selbst ein wesentlicher Gestaltungsfaktor ist, die frische Farbgebung lässt sie noch expressiver erscheinen. Außerdem werden die durch ihr ebenso einfaches wie raffiniertes Design bestechenden Filzteppiche ausgestellt.

Die Behindertenwerkstatt Reinsdorf bei Zwickau wurde 2002 für das Regal "steel 12" mit dem Internationalen Designpreis Baden-Würtemberg (Kategorie Wohnen) ausgezeichnet. Es handelt sich dabei um ein Regal aus pulverbeschichtetem Stahl in Steckbauweise. Das Design des Regals entstand als Semesterarbeit von Rüdiger Schaack an der Westsächsischen Hochschule Zwickau und war ursprünglich in Holz gedacht. Die Umsetzung erfolgte in direkter Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Metall- und Blechbearbeitung der Werkstatt in Reindorf. Dort entstanden die Ideen, die zum heutigen, in Metall gefertigten, Regal führten. Mit dem "steel 12" hat sich die Werkstatt einen Traum erfüllt: Durch vorhandene Kapazitäten und Umrüstung von Maschinen ist man heute in der Lage, das komplette Regal im eigenen Betrieb zu fertigen. Eine Neuerung für Reinsdorf, denn der Betrieb hatte bisher ausschließlich Zulieferarbeiten an externe, teilweise renommierte Unternehmen geleistet. Jeder am Herstellungsprozess beteiligte Mitarbeiter ist ein Teil des Ganzen. Dabei sind die zugeteilten Arbeitsbereiche auf den Grad der Behinderung abgestimmt. Eigenverantwortung und Qualitätsstreben stehen an erster Stelle.

Seit mehr als 120 Jahren werden nahezu unverändert in der Blindenanstalt von Berlin Bürsten und Besen hergestellt. Geschickte Hände blinder, hochgradig sehschwacher und anderweitig behinderter Menschen verarbeiten vorgebohrte Hölzer, Spezialdrähte, Tierhaare und Pflanzenfasern zu Bürsten- und Besenwaren. Auf Initiative der Designer Oliver Vogt + Hermann Weizenegger wurde Ende der 1990er Jahre unter dem damaligen Leiter Peter Bergmann ein neues, aufregendes Projekt in der mittlerweile umbenannt in USE umbenannten Blindenanstalt begonnen. Inzwischen ist das Projekt DIM (Die Imaginäre Manufaktur) ein nicht mehr wegzudenkenden Teil der Manufaktur. Das Projekt DIM hat in den traditionellen Handwerksprozess nicht eingegriffen, ihn vielmehr bewusst genutzt, um mit neuen Ideen neue Produkte mit althergebrachter Funktion entstehen zu lassen.
Den derzeit 20 blinden und behinderten Mitarbeitern der Besen- und Bürsteneinzieherei bereitet es Freude, neben den Klassikern nun auch Bürsten mit unkonventionellen Formen zu fertigen. Ihre Arbeit wird außerhalb der Blindenanstalt wahrgenommen; so werden die Produkte der Blindenanstalt von Berlin mittlerweile Ausstellungen in London, Mailand, New York und Tokio präsentiert. Es sind Bürsten, die als Lampen zu nutzen sind, Kleiderbügel, die zugleich als Kleiderbürste dienen, Bürsten als Schlüsselbrett, Ablage, Eierbecher, Nagelbürsten, die wirklich ihre Bürsten an einem Nagel angebracht haben, aber auch ganz klassische, doch schön gestaltete und gearbeitete Kehrbesen. Ein neues Selbstwertgefühl ist entstanden, das sich auch auf andere Bereiche der Einrichtung auswirkt und so entstehen in der USE ehemalige Blindenanstalt von Berlin auch Hocker nach Designerentwürfen und experimentelle Flechtarbeiten. Es ist Leben in die alten Mauern der Blindenanstalt gekommen: Seit DIM etabliert wurde, besucht nicht nur die lokale Stammkundschaft den Laden, sondern auch internationales Publikum.

Design und Funktion bilden den Sockel des Erfolgs der in den Praunheimer Werkstätten gefertigten Spielwaren. Über 30 Artikel wurden bisher von Spiel Gut ausgezeichnet. Unter dem Motto Spielen- Fördern- Bewegen werden hochwertige Spielzeuge hergestellt. Die Produkte sind aus Naturmaterialien. Sie zeichnen sich aus durch eine klare, einfache Designsprache. Beim Babyspielzeug spielt das Tasten, Fühlen, Greifen, Saugen, Riechen, die ersten Fähigkeiten eines jeden Menschen also, eine wesentliche Rolle. Kinderketten, Greiflinge oder Steck- und Rasselspielzeuge, Nachziehspielzeuge, Autos der unterschiedlichsten Art, alles aus Holz, gehören zum Repertoire.

In den 10 Werkstätten des Caritasverbandes Freiburg-Stadt arbeiten über 1.000 Menschen, die ihrer Behinderung wegen nicht oder noch nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können. Durch die Differenzierung der Werkstätten wurde erreicht, dass auf die besonderen Belange von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen eingegangen werden kann, deren persönliche Lebenssituation und die Anforderungen an den Arbeitsplatz sich wesentlich unterscheiden können. Ziele des Berufsbildungsbereiches des Caritasverbandes Freiburg sind, die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen durch berufliche Bildungsmaßnahmen zu fördern, die Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit und die Befähigung zur Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu unterstützen und auf die Übernahme einer geeigneten Tätigkeit im Arbeitsbereich der Werkstätte oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Gründung der ersten Werkstatt erfolgte bereits 1960, in der Ausstellung in der Galerie Handwerk wird die Korbflechter-Werkstatt der Caritaswerkstätten St. Georg in Umkirch vorgestellt, in der die unterschiedlichsten Körbe entstehen. Deren gemeinsamer Nenner ist eine gute Formgebung und handwerkliche Qualität.

Bei ConSol Glas, in der Schweizer Stadt Zug ansässig, werden Flaschen, die sonst in der Altglassammlung landen würden, zu Trinkgläsern, Vasen, Schalen, Windlichtern und vielem mehr verarbeitet. Die Gläser werden hierzu abgetrennt, geschliffen, poliert. Mit einem Sandstrahlverfahren wird das Dekor auf den Glaskörper appliziert. Den Ursprung des so recycelten Glases lassen die neu entstandenen Gebrauchgegenstände nur noch erahnen. Die Mitarbeiter, die bei ConSol Glas arbeiten, haben vorwiegend eine psychisch bedingte Leistungseinschränkung.

Teilnehmer der Ausstellung

  • Behindertenwerkstatt Reinsdorf
  • Caritas Werkstatt für behinderte Menschen Dachau
  • Caritas Werkstatt für behinderte Menschen Fürstenfeldbruck
  • Caritas Werkstatt für behinderte Menschen München
  • Caritas-Werkstätten Westerwald/Rhein-Lahn
  • Franziskuswerk Schönbrunn
  • Heim Pfingstweid
  • Wendelstein Werkstätten Rosenheim
  • Inntal-Werkstätten Stiftung Attl
  • Winterhuder Werkstätten Hamburg
  • USE g GmbH ehem. Blindenanstalt von Berlin
  • ConSol Glaswerkstatt, Zug/CH
  • Cor Unum, s'Hertogenbosch/NL
  • Diakonie-Werkstätten Potsdam
  • Handweberei im Rosenwinkel, Friedland
  • Herzogsägmühler Werkstätten, Peiting-Herzogsägmühle
  • Fairwerk Inntal-Werkstätten, Wasserburg am Inn
  • Nils Holger Moormann GmbH, Aschau im Chiemgau
  • Praunheimer Werkstätten, Frankfurt a.M.
  • Ruperti Werkstätten Altötting
  • side by side Caritas Wendelstein Werkstätten, Raubling
  • Steinhöringer Werkstätten für behinderte Menschen
  • Hohenfrieder Werkstätten, Bayerisch Gmain
  • Lord Roberts Workshops. The Brush Factory, Edinburgh/GB
  • Werkstätten Karthaus, Dülmen
  • Haus Hall, Werkstatt für behinderte Menschen, Gescher
  • Caritas Werkstätten St. Georg, Umkirch b. Freiburg

Galerie Handwerk
Max-Joseph-Straße 4/ Eingang Ottostraße
80333 München
Tel: 089 595584, Fax: 089 595544
galerie@hwk-muenchen.de 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr
Samstag 10 bis 13 Uhr
Eintritt frei

Kontakt zur Ausstellung:
angela.boeck@hwk-muenchen.de

Informationen zum Begleitprogramm erhalten Sie unter
089 5119-296 

Bildergalerien

online seit 22. Apr 2005, aktualisiert am 07. Jun 2011

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