Verhaltene Aufbruchstimmung im Handwerk: Mehrwertsteuererhöhung kontraproduktiv

2. Februar 2006

Die Handwerker in München und Oberbayern bewerten ihre wirtschaftliche Situation überwiegend positiv, für das erste Quartal 2006 erwarten 63 Prozent gute bzw. zufriedenstellende Geschäfte. Das ergab die jüngste Konjunkturumfrage der Handwerkskammer für München und Oberbayern.

Handwerkskammerpräsident Heinrich Traublinger, MdL: "Wir freuen uns über dieses Ergebnis, denn seit 2001 ist das Handwerk nicht mehr mit so viel Zuversicht in ein neues Jahr gestartet. Vergleicht man die Geschäftserwartungen mit denen des Vorjahres, so hoffen unsere Handwerker sowohl auf mehr Aufträge als auch auf eine bessere Umsatzentwicklung." Etwa zwei Prozent Umsatzwachstum seien in diesem Jahr erreichbar.

Die rund 65.000 Handwerksbetriebe in München und Oberbayern erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 28,3 Milliarden Euro, das waren nominal um zwei Prozent weniger als 2004. Andererseits löste sich der lang anhaltende Investitionsstau im Handwerk allmählich auf. Die Handwerksbetriebe gaben wieder spürbar mehr für neue und modernisierte Anlagen aus.

Insgesamt investierten sie im vergangenen Jahr rund 730 Millionen Euro, das waren 3,5 Prozent mehr als noch 2004. Traublinger: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese positive Tendenz durch die Verbesserung bei den Abschreibungsbedingungen in diesem Jahr fortsetzen wird."

Das Münchner und oberbayerische Handwerk beschäftigte im vergangenen Jahr rund 286.000 Menschen. Gegenüber dem Vorjahr sank damit die Beschäftigung um gut vier Prozent. Der Handwerkskammerpräsident hierzu: "Wir hoffen natürlich, dass wir diesen Trend stoppen können. Um ihn allerdings umkehren zu können, bedürfte es eines wesentlich stärkeren Anspringens der Binnenkonjunktur und hier vor allem des privaten Konsums, als für dieses Jahr prognostiziert wird."

Eine Sonderentwicklung verzeichnete die Handwerkskammer bei der Zahl der Betriebe: zum 31. Dezember 2005 waren exakt 65.006 Betriebe bei der Kammer eingetragen. Das waren um fünf Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Die bereits 2004 ausgelöste Eintragungswelle rollte also unvermindert weiter.

Seit Mai 2004, der Erweiterung der EU, wurden bis heute durchschnittlich 700 Betriebe pro Monat neu eingetragen, fast die Hälfte in den nunmehr zulassungsfreien B1-Berufen des Handwerks. Traublinger: "Ein Großteil dieser Betriebe sind Ein-Mann-Betriebe und/oder (Schein-)Selbständige aus den östlichen Beitrittsländern, die oftmals mit Dumpingpreisen einen ruinösen Wettbewerb anzetteln."

Traublinger macht deutlich, dass sich das Handwerk ein Anspringen des privaten Konsums nicht zuletzt von der neu eingeführten steuerlichen Abzugsfähigkeit bestimmter Handwerkerrechnungen als haushaltsnahe Dienstleistungen erhofft. Wichtig sei auch, dass das Sonderprogramm zur energetischen Gebäudesanierung baldmöglichst in Kraft tritt, um weitere Investitionen im Privatbereich anzuregen.

Der Handwerkskammerpräsident: "Dieses zarte konjunkturelle Pflänzchen sollte gehegt und gepflegt werden." Aber darüber schwebe leider das Damoklesschwert der Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte zum Beginn des nächsten Jahres.

Traublinger: "Unsere Befürchtung ist, dass die Bundesregierung dieses zarte Pflänzchen Konjunktur erst mühsam aufpäppelt und es dann ein Jahr später mit dieser saftigen Mehrwertsteuererhöhung wieder zertritt." Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer sei wachstums- und beschäftigungsfeindlich und gehöre daher auf jeden Fall noch einmal auf den Prüfstand.