Vollversammlung der HandwerkskammerPeteranderl: "Strukturreformen sind ohne Einschnitte nicht zu machen. Doch die Belastungen müssen gerecht verteilt werden"
22. Juli 2026
„Die vom Handwerk geforderten Strukturreformen sind ohne Einschnitte nicht zu machen. Doch die Belastungen müssen gerecht verteilt werden. Nur dann kann die Politik auch Akzeptanz und Opferbereitschaft von den Bürgerinnen und Bürgern einfordern. Grundlage muss ein funktionierendes und leistungsfähiges Wirtschaftssystem für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein“, machte Präsident Franz Xaver Peteranderl bei der Vollversammlung der Handwerkskammer deutlich. Mit Blick auf die vom Bundeskabinett beschlossene Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung begrüßte er die angestrebten Einsparungen von rund 16 Milliarden Euro und das Ziel stabiler Zusatzbeiträge. Bei der Pflegeversicherung seien die erwarteten höheren Beiträge jedoch „eine weitere bittere Pille, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer schlucken müssen.“ Die Forderung des Kammerpräsidenten: „Die aus dem Ruder gelaufenen Sozialversicherungsbeiträge müssen wieder auf unter 40 Prozent gesenkt werden.“ In diesem Zusammenhang müsse die Politik grundsätzlich stärker darauf achten, dass weder die Anreize der Beschäftigten zu arbeiten noch die Bereitschaft der Arbeitgeber, Menschen einzustellen, ausgehöhlt werden. In seiner Rede ging der Kammerpräsident auch auf die Pläne der neuen Münchner Rathauskoalition ein, die er kürzlich im persönlichen Gespräch mit Oberbürgermeister Dominik Krause diskutiert hatte. „Wir begrüßen das Festhalten am Münchner Gewerbehofprogramm und der Gewerbeflächensanierung.“ Der geplante Bau von 50.000 neuen Wohnungen sei richtig, so Peteranderl: „Allerdings müssen gleichzeitig auch ausreichend Flächen für Handwerksbetriebe erhalten bleiben, damit sie ihre Standorte in der Stadt halten können.“
Von einer „Erfolgsstory auf dem Ausbildungsmarkt“ berichtete Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Hüpers in seiner Rede. Bis Ende Juni wurden im oberbayerischen Handwerk 3.985 neue Lehrverträge unterschrieben – das sind 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit diesem stolzen Plus über fast alle Gewerke hinweg wurden die Einbrüche nach der Corona-Pandemie wieder vollständig wettgemacht. Hüpers wies darauf hin, dass die Ausbildungsentwicklung in der Gesamtwirtschaft, vor allem in der Industrie, aktuell rückläufig sei. Daher sei der Zuwachs im Handwerk umso bemerkenswerter. „Jugendliche nehmen eine Tätigkeit im Handwerk als zukunftssichere Perspektive wahr“, sagte er mit Blick auf die sich durch den Einsatz von KI verändernde Arbeitswelt. Der Hauptgeschäftsführer ging in seiner Rede auch auf zahlreiche bürokratische Hürden ein, die den Handwerksbetrieben die Arbeit erschweren – wie beispielsweise das bestehende Arbeitszeitgesetz. Der Referentenentwurf zur Reform bleibe weit hinter den Erwartungen vieler Betriebe und Beschäftigter zurück. „Das Thema Wochenarbeitszeit wird zwar aufgegriffen. Doch vor allem die Verknüpfung mit tarifvertraglichen Regelungen ist realitätsfremd, weil ein erheblicher Teil der Handwerksbetriebe nicht tarifgebunden ist und somit nicht profitieren würde.“ Hüpers betonte, dass auch viele Beschäftigte auf flexiblere Arbeitszeiten angewiesen seien: „Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, braucht individuelle Lösungen. Dafür muss der Gesetzgeber den entsprechenden Raum schaffen.“ Die vorgesehenen Vorgaben zur Arbeitszeiterfassung kritisiert das Handwerk als zusätzliche Bürokratie. Der Hauptgeschäftsführer: „Selbstverständlich müssen gesetzliche Schutzvorschriften eingehalten werden. Die Dokumentations- und Kontrollanforderungen binden aber Zeit und Ressourcen, die gerade bei kleinen und mittleren Firmen fehlen. Viele Betriebe praktizieren seit Jahren funktionierende Modelle, die auf Eigenverantwortung der Beschäftigten beruhen.“
Die Vollversammlung ist das oberste Organ der Handwerkskammer. Ihre Mitglieder, bestehend aus selbstständigen Gewerbetreibenden sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, vertreten die Interessen der knapp 81.000 Mitgliedsbetriebe mit rund 313.000 Beschäftigten – darunter 22.000 Auszubildende. Die Vollversammlung kommt zweimal im Jahr zusammen.