PK Konjunktur Juli 2019
Handwerkskammer für München und Oberbayern

Handwerk fordert Entlastung bei Bürokratie und Steuern

Peteranderl: "Wir sichern Arbeits- und Ausbildungsplätze"

31.Juli 2019

„Während die Gesamtwirtschaft schwächelt, sichert der Aufschwung im Handwerk Arbeits- und Ausbildungsplätze ab. Es wäre daher dringend an der Zeit, dass die Politik einmal „Danke“ sagt und das Handwerk von Bürokratie entlastet, die berufliche Bildung konsequent fördert und Steuern und Abgaben senkt. Trotz rückläufiger Steuereinnahmen gilt es antizyklisch zu handeln und den Anreiz für Investitionen zu erhöhen“, betont Kammerpräsident Franz Xaver Peteranderl bei der Vorstellung der neuesten Konjunkturzahlen.

Ende Juni beurteilten 93 Prozent der befragten Betriebe in Oberbayern ihre Lage als gut oder befriedigend. Damit bewegte sich der zentrale Indikator zur Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Niveau des Vorjahres und knapp unterhalb seines Allzeithochs (94 Prozent). Nur sieben Prozent sind nach eigener Einschätzung in einer schlechten Verfassung. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung stellte im 2. Quartal mit 83 Prozent ihr Rekordergebnis ein. 45 Prozent der Befragten meldeten Vollauslastung. Die Top-Werte wurden in den Bau- und Ausbauberufen erzielt, wo der Anteil vollausgelasteter Firmen bei 60 Prozent lag. Weil so viel zu tun und die Nachfrage unverändert kräftig ist, müssen Kunden - außer im Notfall - durchschnittlich 9,4 Wochen auf die Auftragserfüllung warten. Im Vorjahresvergleich stieg der Auftragsbestand noch einmal um 0,5 Wochen. Noch nie wurde im Frühling ein derart hoher Wert vermeldet. Auch hier stach das Bauhauptgewerbe mit 13,6 Wochen Auftragsbestand hervor (Vorjahr: 12,3 Wochen). Einzig im Handwerk für den gewerblichen Bedarf, das Zulieferer und Unternehmensdienstleister umfasst, war die Orderreichweite mit 7,5 Wochen kürzer als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres (8,3 Wochen).

Unternehmen investieren kräftig

Jeder dritte oberbayerische Betrieb meldete im Berichtszeitraum Zuwächse beim Umsatz. Gut die Hälfte beobachtete keine Veränderung. Aufgrund dessen ist von einem deutlichen Umsatzwachstum im 2. Quartal auszugehen. Für den Zeitraum von April bis Juni dürfte es bei etwa 11,1 Milliarden Euro liegen. Gegenüber dem Vorjahresquartal wäre das ein Anstieg um nominal 5,7 Prozent. Zieht man die Preissteigerung ab, verbleibt ein reales Plus von 2,5 Prozent. Die anhaltend kräftige Nachfrage ermöglichte es den oberbayerischen Handwerksbetrieben, im 2. Quartal erforderliche Preisanpassungen vorzunehmen. Etwa 20 Prozent der Befragten erhöhten die Preise für ihre Leistungen und Produkte. Unter Einbeziehung amtlicher Preisstatistiken dürfte die Jahresteuerung im Gesamthandwerk bei gut drei Prozent liegen. Im Vergleich zum Vorjahr verlief die Beschäftigung im oberbayerischen Handwerk im 2. Quartal positiv: Ende Juni waren etwa 308.100 Personen im Handwerk tätig, 1,1 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Die Zahl der Mitgliedsbetriebe sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,3 Prozent auf aktuell knapp 79.000. Die Investitionstätigkeit zog im 2. Quartal erneut kräftig an: Die Quote investierender Handwerksbetriebe in Oberbayern kletterte binnen Jahresfrist um fünf Punkte auf 37 Prozent. 1991 wurde letztmals ein derart hoher Anteil registriert. Gleichzeitig weiteten die Betriebe auch das Investitionsvolumen aus: Von April bis Juni flossen geschätzt etwa 335 Millionen Euro in neue Maschinen, Fahrzeuge, IT und andere Anlagegüter. Das entspricht einer Zunahme von 8,1 Prozent gegenüber 2018.

83 Prozent der oberbayerischen Handwerksbetriebe erwarten in den kommenden Monaten gleichbleibende Geschäfte, zehn Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Wegen der gut gefüllten Auftragsbücher rechnen 22 Prozent der Befragten mit einer Ausweitung der Umsätze. Zur Jahresmitte 2018 waren es 24 Prozent. Für das Gesamtjahr ist im oberbayerischen Handwerk ein Umsatzplus von nominal fünf Prozent zu erwarten. Die Zahl der Beschäftigten dürfte um knapp ein Prozent zulegen, die Investitionen um rund sechs Prozent wachsen.

Handwerk lehnt mögliche Ausweitung der Ladenöffnungszeiten ab

Zur Diskussion um eine Ausweitung bzw. Lockerung der gesetzlich erlaubten Ladenöffnungszeiten hat die Handwerkskammer ihre Mitgliedsbetriebe befragt. Darunter sind vor allem Gewerke, die über ein Ladengeschäft verfügen, wie z.B. Augenoptiker, Bäcker, Metzger, Gold- und Silberschmiede, Kfz-Händler, Maßschneider etc. Das Ergebnis ist eindeutig: 84 Prozent sind grundsätzlich gegen eine Ausweitung der gesetzlich erlaubten Ladenöffnungszeiten! Besonders hoch ist die Ablehnung mit 92 Prozent bei Unternehmen mit 5-9 tätigen Personen. Mit Blick auf die Branchenzugehörigkeit der befragten Unternehmen fallen die Unterschiede ebenfalls deutlich aus. Die Skala reicht von scharfer Zurückweisung im Gesundheitshandwerk (92 Prozent) bis zu 22 Prozent Zustimmung im Kfz-Handwerk.

Aus regionaler Sicht interessant aber wenig überraschend: Mehr als jede vierte Münchner Firma stimmt einer Ausweitung der Ladenöffnungszeiten zu, im übrigen Oberbayern sind es nur 12 Prozent. Wie sich eine Ausweitung auswirken würde, liegt für die Befragten klar auf der Hand: 80 Prozent gehen davon aus, dass die Inhaber und ihre Familien mehr arbeiten müssten. 70 Prozent sehen steigenden Personalbedarf bzw. höhere Kosten auf sich zukommen. Auf der anderen Seite glauben 17 Prozent, dass die Kundenzufriedenheit positiv beeinflusst würde. Höhere Umsätze erwarten nur elf Prozent. Sollten die gesetzlich erlaubten Ladenöffnungszeiten tatsächlich gelockert werden, wollen lediglich zwölf Prozent der oberbayerischen Unternehmen im Handwerk mitziehen. Sechs Prozent sehen sich gezwungen, länger zu öffnen, weil sie befürchten, dass ihre Kunden sonst zur Konkurrenz oder in den Einzelhandel abwandern. 88 Prozent wären nicht bereit, ihre Geschäfte länger offen zu halten. Für 52 Prozent davon spielt der Personalmangel die entscheidende Rolle.

"Rote Routen" in München wiederbeleben

Mit Blick auf die Verkehrsplanung in der Landeshauptstadt fordert die Handwerkskammer, die sog. „Roten Routen“ wiederzubeleben. Dadurch soll der Fahrzeugverkehr auf leistungsfähigen Straßen gebündelt und so weit wie möglich von Nebenstraßen und aus Wohngebieten ferngehalten werden. „Voraussetzung ist allerdings, dass diese Hauptverkehrsstraßen dem Autoverkehr so zugänglich gemacht werden, dass er dort fließen kann. Fahrbahnverengungen oder Radwege zulasten von Fahrspuren konterkarieren dieses Konzept. Zu „Roten Routen“ müssen aus unserer Sicht zuallererst die Dachauer Straße, die Lindwurmstraße, die Leopold- und Ludwigstraße, die Nymphenburger Straße und die Rosenheimer Straße erklärt werden. Das Anwohnerparken entlang dieser Routen muss massiv eingeschränkt und stattdessen Parkflächen für Handwerker, soziale Dienste, Car-Sharing-Fahrzeuge oder neue Radwege geschaffen werden“, fordert der Kammerpräsident. Mithilfe eines klugen Verkehrskonzeptes müsse verhindert werden, dass die Menschen immer länger im Stau stehen, so Peteranderl, „Zeit hat schließlich auch einen Wert. Vor diesem Hintergrund sind die Kosten, um mit dem Auto in die Stadt zu fahren, mittlerweile nicht nur für unsere Mitgliedsbetriebe exorbitant hoch. Auch Kunden und Mitarbeiter verplempern unnötig Lebenszeit im Stau.“

Die Handwerkskammer fordert, die Anreize für den Umstieg auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu erhöhen. Grundvoraussetzung hierfür ist ein stabiles ÖPNV-Gesamtsystem, das zusätzliche Fahrgäste aufnehmen kann. Peteranderl: „Dieses steht momentan weder in der Landeshauptstadt noch im Umland zur Verfügung. Folglich müssen zuerst die Taktzeiten verkürzt, die Kapazitäten massiv erhöht und die Stabilität des Gesamtsystems wiederhergestellt werden, um dann in einem weiteren Schritt durch Fahrpreisermäßigungen und den weiteren Ausbau der Park & Ride-Anlagen Anreize für den Umstieg vom Auto auf den ÖPNV zu schaffen.“

Beitrag von Alexander Tauscher zur Handwerkskonjunktur:

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